DAS ABENDMAHL

Eines der jüngeren Mädchen aus der Runde erhebt sich und macht sich in der angrenzenden Küche zu schaffen. Franzi lächelt in sich hinein. Das Scheppern der Töpfe klingt allerorts und zu jeder Zeit gleich. Mit zwei tiefen Schüsseln kommt die junge Köchin zurück. Sie stellt das dampfende Abendmahl vor Franzi und ihren Begleiter. Franzi schnuppert und atmet den Duft ein. Der Geruch kommt ihr bekannt vor. „Was ist das?“, fragt sie. Die Köchin klärt sie auf: „Leber mit Zwiebel.“

Mit großem Appetit verschlingt Franzi das Dargebotene. Sie kann sich erinnern, vor nicht allzu langer Zeit „Venezianische Leber“ gegessen zu haben.  Die Ähnlichkeit ist frappant. Nur der rote Wein lässt ihre Gesichtszüge ob der Säure entgleisen. Doch tapfer wird auch dieser ausgetrunken. Franzi fragt kurz nach: „Ich dachte, die Wirtin hat keine Genehmigung für den Ausschank von Alkohol?“ Der Mann mit der Maske grinst ein wenig. „Was aber nicht unbedingt bedeutet, dass sie keinen Alkohol ausschenkt.“

„Die Aufregung macht hungrig“, meint sie entschuldigend, als ihr bewusst wird, mit welcher Hast sie soeben ihr Essen weggeputzt hat.  „Sicher sind Sie auch müde“, erwidert der Mann mit der Maske, der selbst schon heimlich in die Hand hineingegähnt hat.  „Sie werden hier im Haus untergebracht. Rosalba wird gut für Sie sorgen.“
Kaum hat er den Namen ausgesprochen, steht die resolute Wirtin hinter ihr.

„Kommen Sie, meine Liebe, ich führe Sie in Ihre Kammer.“



DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 8. Dezember >>>


Franzi erhebt sich. Sie ist etwas wackelig auf den Beinen. Beim Verlassen der Gaststube, die nun, da sie gegessen und getrunken hat, insgesamt etwas freundlicher wirkt, nickt sie dem Fremden zum Abschied kurz zu und folgt ihrer Gastgeberin, die ihr mit einer Kerze den Weg über die knarrenden Stufen in das Obergeschoß ausleuchtet. 

Eines hätte sie dem fremden Kerl mit der Maske aber schon noch gerne gesagt:

 „Männer und Alkohol sind auch in der Zeit, aus der ich komme, eine gefährliche Mischung. Deren Wirkung auf Frauen ist aber auch nicht zu unterschätzen.“