DAS DECKENFRESKO

 

Ihr Begleiter führt Franzi aus der Werkstatt. Sie dreht sich noch einmal um und erkennt den hellen Schein, der das Gebäude umgibt, in dem die Werkstatt untergebracht ist. Die Gassen der Stadt wirken trotz der Dunkelheit nicht mehr düster und auch der schlechte Geruch, der seit ihrer Ankunft in den Gassen hing, hat sich verflüchtigt. Die Häuserfassaden sind frisch gestrichen und aus fast allen Fenstern dringt Gelächter.

Franzi dreht sich erstaunt zu ihrem Begleiter um. Dieser hebt vorsichtig ihr Kinn an und blickt ihr tief in die glänzenden Augen. „Sie haben es tatsächlich geschafft. Sie haben Hoffnung in diese Stadt zurückgebracht.“

Franzi hört aus der Ferne ein vertrautes Geräusch. Es ist das Klingen des Karussells. Schnell läuft Franzi zurück in die Herberge. Sie spürt, dass ihre Zeit hier in der schwimmenden Stadt vorbei ist. Sie läuft die Treppe hoch in ihre Dachkammer. Im Vorbeigehen erhascht sie ihr Spiegelbild. Sie bleibt kurz stehen. Bewundert ein letztes Mal ihr prachtvolles Gewand, in dem sie sich vor dem Spiegel im Kreis dreht. Dann knöpft sie ihr blaues Cape auf, legt es fein säuberlich zusammen und schlüpft auch aus dem roten Kleid. Sie schlichtet einen kleinen Stapel. Zuunterst ihre Schuhe, dann das Kleid, dann das Cape. Als Letztes nimmt sie noch ihre Maske ab. Sie öffnet die goldene Schatulle und legt sie hinein. Wie sehr sie sich anfangs gegen die Maske gesträubt hat! Doch jetzt fühlt sie sich ohne sie fast nackt. Der schäbige Schlafmantel hängt hinter der Türe. Sie schlüpft hinein und holt die schrecklichen Hausschuhe unter dem Bett hervor. 

Franzi blickt auf. Rosalba steht in der Tür. Franzi deutet auf die wertvolle Kleidung auf dem Bett. „Es ist Zeit, wieder nach Hause zu fahren. Hast du hier ein Plätzchen für meine Sachen? Dort, wo ich hingehe, kann ich sie nicht mitnehmen. Doch wer weiß, vielleicht führt mich eines Tages das Leben wieder hierher zurück.“

Rosalba nimmt Franzi fest in ihre Arme. Sie weiß, dass sie Franzi vermissen wird. Unbeholfen tätschelt sie ihr den Rücken. Franzi beobachtet Rosalba, wie diese die Holztruhe am Gang öffnet und die Kleidungsstücke neben den dort lagernden Seifenstücken platziert. Rosalba schnäuzt sich laut in ein Tuch. Sie will ihre Rührung verbergen. Da stürmt auch Giulia die Treppe herauf. Völlig außer Puste berichtet sie, dass das Ministerium der Hoffnung bereits die besten Maler des Landes beauftragt hat, das Geschehen der letzten Tage als Deckenfesko in einem Palast festzuhalten. 

Franzi muss schmunzeln. Sollte sie irgendwann in ferner Zukunft durch diese Stadt spazieren, würde sie wohl manche Gemälde aus einer neuen Perspektive betrachten müssen.

 



DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 20. Dezember >>>