DIE ENTSCHEIDUNG
Ihr Begleiter gibt ihr ein paar Minuten Zeit. Er lehnt, mit einem kleinen Abstand zu ihr, an der Mauer. Er spricht leise. Sanft. Fast wie zu sich selbst: „Sie verstehen nicht?“ Franzi blickt auf. Da war es wieder, das ferne Klingen der Musik des Karussells.
„Sie bringen Licht und Glanz in die Stadt. Aus Licht und Glanz wird drüben, auf einer dieser kleinen Inseln, ein feiner Stoff gewebt. Zart und unsichtbar. Er legt sich über die Menschen in dieser Stadt. Kaum jemand sieht ihn, doch fast alle fühlen ihn. Dieser Stoff ist das Wertvollste, das wir den Menschen hier bieten können. Der Stoff, aus dem die Träume dieser Stadt sind, ist die Hoffnung. Die Krankheit, der schwarze Tod, hat dieser Stadt die Hoffnung geraubt.
Wissen Sie, Francesca, die Menschen sehnen sich nach einer Lichtgestalt. Sie brauchen keine Worte, denen sie ohnehin nicht folgen können. Sie brauchen auch keine Taten. Sie möchten wieder Hoffnung schöpfen können. Im Moment ist es die Pflicht, die die Menschen am Leben hält. Es ist jedoch die Hoffnung, welche die Menschen an eine Zukunft glauben lässt.
Genau deshalb haben wir Sie hierhergeholt. Sie sind die Trägerin der Hoffnung. Sie geben den Menschen hier unendlich viel. Sie brauchen nur hinzusehen. Dann erkennen Sie die Veränderung, welche Sie bringen.“
Franzi lässt die Worte auf sich wirken. Sie denkt nach. Sie möchte den Menschen in dieser Stadt Hoffnung schenken. Der Gedanke gefällt ihr. Dagegen hat sie sich auch nicht verwehrt. Doch, und das wird ihr immer klarer, sie will dabei keine Selektion, die vom Ministerium der Hoffnung vorgegeben ist. Franzi hat sich ihr ganzes Leben gegen Fremdbestimmung gewehrt. So auch hier. Sie kann daher die Menschen im Hospital nicht im Stich lassen. Auch wenn sie nicht direkt helfen kann, ist es ihr ein Bedürfnis, ihnen durch ihre Anwesenheit Respekt zollen. Sie möchte den Kranken zumindest das Gefühl geben, beachtet zu werden.
Jetzt ist es an ihr, in die Hände zu klatschen: „Gut! Dann werde ich jetzt durch das Hospital gehen. Ich möchte auch diesen Menschen etwas Hoffnung schenken.“ Der Mann mit der Maske ringt sich ein Lächeln ab. Es ist nicht vereinbart gewesen, dorthin zu gehen. Aber er möchte sich nicht Franzis Wunsch widersetzen.