DER ABSCHIED

 

„Auch wenn du nicht als Königin geboren wurdest, verfügst du über unglaublich viel Macht. Ich habe die Königin in dir schon lange entdeckt.“ Franzi schaut etwas skeptisch auf ihr unmögliches Schuhwerk und zieht den alten Schlafmantel enger um ihren Körper.  Sie fühlt sich im Moment nicht sehr königlich. Sie lächelt verlegen. Noch nie zuvor hat ein Mann sie derartig mit Worten bezaubern können. Dass er jetzt am Ende der Reise vom förmlichen „Sie“ in das vertrauliche „du“ wechselt, stört Franzi nicht. Im Gegenteil. 

Die beiden stehen dort an jenem Platz, an dem der Maskierte ihr das erste Mal gegenübergetreten war. Der weiße Schimmel steht da. Wartend. Die Musik des Karussells wird lauter. 

Der Fremde, der längst ihr Vertrauter geworden ist, beugt sein Knie vor ihr. Mit beiden Händen nimmt er das erste Mal seine Maske ab, legt diese vorsichtig zur Seite. Franz weiß nicht recht, wohin mit ihren Gefühlen.  Es wird ihr heiß und mulmig. Sanft nimmt er Franzis Hand, blickt ihr ernsthaft in die Augen und spricht weiter: „Du bist meine Königin. Du wirst auf ewig in meinem Herzen weiterleben.“

Franzi schluckt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Leise flüstert sie: „Werden wir uns nicht wiedersehen?“

Die Glocken des Karussells läuten zum Aufbruch. Er verbeugt sich leicht vor ihr. Franzi streckt ihm ihre Hand entgegen. Königlich. Zart fühlt sie seine Lippen auf ihrer Haut.

„Du musst los.“ Franzi berührt seinen Arm.  Sie fragt noch einmal: „Werde ich dich wiedersehen?“

„Halte die Augen offen. Wenn unsere Zeit gekommen ist, werden wir uns finden. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Leben.“ Franzi betritt mit schwerem Herzen das Karussell. Ihr Schimmel hat sich dort zwischen den anderen Pferden eingereiht. Kaum hat sie sich auf den Rücken des Pferdes geschwungen, nimmt das Karussell Fahrt auf. Die Musik wird lautet und lauter. Es dreht sich immer wilder im Kreis.

„Eins noch.“ Franzi muss laut schreien, damit sie das Getöns des Karussells übertönt:

 „Wie ist dein Name, wenn wir uns wiedersehen?“

Doch da springt das Pferd auch schon los, hinein in die Nacht, hinauf in den Himmel. Die Antwort des Mannes, der sie so wunderbar durch die letzten Tage geleitet hat, wird vom Wind verschluckt. Sie erreicht Franzi nicht mehr. 

 

 



DIE MÄRCHENAUGEN
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