DER HIMMELSRITT

Franzis Herz hämmert in ihrer Brust. Es gibt für sie kein Halten mehr. Sie läuft zur Balkontüre und reißt diese weit auf. Der kalte Wind lässt sie kurz zurückschrecken, doch dann nähert sie sich voller gespannter Vorfreude dem Karussell. Nach und nach verliert dieses an Fahrt und nachdem es sich ein paar Runden langsam ausgedreht hat, steht es endlich still. Nicht nur das Karussell hat gestoppt. Auch die Musik ist verklungen und der goldene Schein ist erloschen. 

Bei näherer Betrachtung stellt Franzi fest, dass dieses Karussell in einem schlechten Zustand ist. Die ehemals bunte Lackierung ist an vielen Stellen kaum mehr vorhanden. Statt Lack springt abgeschiefertes altes Holz oder, schlimmer noch, rostiges Metall, ins Auge.  Sie erkennt, dass dem einen Pferd ein Bein fehlt und dem anderen ein Ohr und am schlimmsten verwüstet ist jenes Pferd, dem auch die Augen fehlen und dessen Kopf nicht stolz in die Luft ragt, sondern traurig nach unten hängt. Franzi tätschelt das Pferd kurz und spürt verwundert die Wärme, welche von dessen Körper ausgeht. Dieses alte und heruntergekommene Karussell ist ein trauriger Überrest aus einer längst vergangenen Zeit und doch wirkt es so lebendig. Franzi kann nicht widerstehen. Sie streicht über den Rücken des Pferdes, welches daraufhin leise schnaubt. Schlussendlich klettert sie hinauf, nimmt übermütig die verschlissenen Zügel in die Hand, schnalzt diese kurz und spricht die Worte aus, die erst durch ihr Gehirn gegeistert sind und jetzt auf ihrer Zunge brennen: 

Hü hott, Pferdchen!
Pferdchen, hü hott!
Bring mich schnell fort
an einen besonderen Ort.

Kaum hat Franzi diese Worte ausgesprochen, beginnt sich das Karussell unter Ächzen und Quietschen ganz langsam zu drehen. Die Musik erklingt langgezogen und unrhythmisch aus dem alten Leierkasten, der von dem anfahrenden Karussell bedient wird. Doch mit jeder Runde, die sie drehen, wird das Karussell schneller und schneller, die Musik findet zurück in den Rhythmus der Gaukler und Zirkusleute, ein kristallhelles Kinderlachen liegt in der Luft und Franzi merkt, wie das Karussell vom Boden abhebt und immer höher in den Himmel hinaufschwebt. Das Pferd zwischen ihren Schenkeln gewinnt nach und nach an Lebenskraft und Freude zurück. Das Fell aus Holz wird weich und flauschig. Franzi lehnt ihr Gesicht an seinen Hals. Es wiehert laut, löst seine Hufe aus der Verankerung am Boden und galoppiert mit Franzi auf dem Rücken hinaus in die Freiheit. Hinauf in den Nachthimmel.

DIE MÄRCHENAUGEN

<<<2. Dezember>>>