DIE EINKLEIDUNG

Franzi betrachtet sich lange im Spiegel. Sie berührt das Diadem auf ihrem Kopf. Staunend murmelt sie: „Ich sehe aus wie eine Königin.“

Der Mann mit der Maske tritt von hinten ganz nah an sie heran. Er umfasst ihre Oberarme und flüstert ihr ins Ohr: „Sie sind eine Königin. Beachten Sie, was Sie bisher bewirkt haben.

Sehen Sie die bunten Kleider der Frauen? Gestern Abend noch waren doch alle braun und beige oder grau gekleidet. Die meisten von ihnen waren fahl im Gesicht. Und heute? Ich sehe bunte Kleider, schöne Frisuren mit farbigen Bändern. Selbst die Gaststube trägt einen hellen Schein. Francesca, Sie haben unsere Welt bereits etwas heller gemacht.“

Tatsächlich. Franzi blickt sich um. Sie schaut sich all die jungen Frauen genau an. Keine Düsternis herrscht heute in diesem Raum. Die Mädchen haben zudem auch noch rote Wangen. Der Boden ist sauber, die Wände haben einen hellen Anstrich und selbst der in dieser Stadt allgegenwärtige modrige Geruch ist zumindest aus diesem Raum verschwunden.

„Wie nur?“ Sie blickt ihren Begleiter lange an. Doch dieser lächelt nur geheimnisvoll. Es dürfte am Licht Ihrer Augen liegen oder einfach an der Magie der Weihnachtszeit.“

Franzi nimmt das Diadem wieder ab. Sie will so etwas nicht tragen. Sie möchte sich nicht noch mehr von diesen Menschen hier abheben, als sie es ohnehin schon tut. Deshalb legt sie es vorsichtig zurück in die Schachtel, welche ihr zwei junge Frauen zuvor aufgeregt kichernd gereicht hatten.

Sie weiß, sie braucht keine Krone, um hier zu wirken.

Sie verlangt nach etwas Bescheidenerem. Ein blaues Tuch für ihren Kopf, welches wie ein Cape über ihr wallendes rotes Kleid reicht. 

Rosalba hat sie am frühen Morgen geweckt und ist mit ihr durch die noch dunklen Gassen gehastet.  Dreimal hat sie an die Tür einer Kleidermacherin geklopft und jetzt steht Franzi inmitten eines Sammelsuriums aus wertvollen Stoffen und allerlei Tand und betrachtet verklärt das Ergebnis der Umkleideaktion im Spiegel.

Sie schiebt sich mit leicht geröteten Wangen die Haare hinter die Ohren. Streckt ihr Kinn vor, deutet einen kleinen Knicks an und lacht: „Schau an, Königin Francesca.“

DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 10. Dezember >>>