DAS HOSPITAL
„Und die Kinder?“
Franzi starrt voller Entsetzen auf das Elend, das sich vor ihr ausbreitet. Damit hat sie nicht gerechnet. In den letzten Tagen hat sie den Schmutz in den Gassen bemerkt. Der schlechte Geruch macht ihr immer wieder das Atmen schwer. Ganz selten kreuzt eine düstere Gestalt ihren Weg. Bettler, die vermutlich verscheucht werden, bevor sie in Franzis Blickfeld gelangen, sieht sie kaum. Alte Frauen in zerlumpten Kleidern die in Körben ihre Waren feilbieten, begegnen ihr schon eher.
Doch der erbärmliche Anblick und der fürchterliche Gestank, der ihr hier in der großen Halle des Hospitals entgegenschlägt, raubt ihr fast den Verstand. Sie will erstmalig nicht akzeptieren, in der Stadt zwar anwesend und als Gast gerne gesehen zu werden, aber nicht in das Geschehen dieser Zeit eingreifen zu dürfen.
Der Mann mit der Maske ärgert sich über sich selbst. Er hat nur kurz nicht auf Franzi geachtet und schon steckt er im nächsten moralischen Dilemma. Er will ihr diese kranken Menschen nicht zumuten. Das ist nicht sein Plan. Das ist nicht der Plan des Ministeriums der Hoffnung.
Franzi wendet sich trotzig an ihren Begleiter: „Sie sagten, ich würde erwartet? Doch wozu? Nur, um wie eine Puppe von einer Hand zur nächsten gereicht zu werden? Nein, das können Sie nicht von mir verlangen.“
Franzi erkennt sehr wohl die Freude, die aufkommt, wenn sie länger bei einer Gruppe von Menschen verweilt. Sie bemerkt, dass an jenen Plätzen, die sie betritt, sehr rasch die grauen Kleider gegen bunte getauscht werden. Sie sieht auch, dass viele Gassen sauberer und das Licht weniger düster wirken als noch vor wenigen Tagen. Aber ist das tatsächlich so? Vielleicht bildet sie sich das alles nur ein?
„Kommen Sie, meine Liebe“, der Mann mit der Maske nimmt Franzi an der Hand. Er zieht sie vom großen Tor des Hospitals weg und nötigt sie, sich auf eine niedrige Mauer aus Stein, gleich neben dem großen Kanal, zu setzen. Er erkennt, dass Franzi eine Pause braucht, dringend. Der Nebel steigt aus dem Wasser hoch. Franzi lässt den Blick in die Ferne schweifen und erkennt nicht unweit von ihr eine der vielen Brücken, welche die Gassen und Plätze über die unzähligen Wasserstraßen hinweg verbinden. Sie atmet fest durch, reibt ihre Hände gegeneinander. Sie fröstelt.