DER MASKIERTE MANN


Franzi zuckt zusammen. Eine dunkle Gestalt, gekleidet in ein langes schwarzes Cape, schält sich langsam aus dem Schatten eines Gemäuers auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes und nähert sich ihr mit ruhigem und gemessenem Schritt. Franzi weicht zwei, drei Schritte zurück. Ihre Hand sucht ängstlich Halt an den Zügeln, die wie ein Rettungsanker vom Hals des Pferdes baumeln. 

Der Fremde bleibt vor ihr stehen. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Er neigt mit einer kleinen Verbeugung seinen Kopf. „Ich bitte um Verzeihung. Es war nicht meine Absicht, sie zu erschrecken. Sie werden bereits erwartet.“ 

Die warme Stimme des Mannes beruhigt Franzi etwas. Dennoch bleibt ihr Blick besorgt an der mit großem Aufwand bestickten Maske des Mannes hängen, die sowohl dessen Augen als auch seine Nase verbirgt. „Willkommen in der schwimmenden Stadt. Sie sind hier in einer Zeit gelandet, in der der Verfall und die Verzweiflung das Denken der Menschen dominiert.“ Langsam und mit Bedacht fügt er noch hinzu: „Unsere Absicht ist es, dem entgegenzuwirken.“ 

Franzi möchte nicht unhöflich erscheinen. Sie löst ihre Hand vom Zügel des Pferdes. Geht einen Schritt nach vorne.  Etwas unbeholfen neigt auch sie ihren Kopf zum Gruß. „Sie erwarten mich? Ich bin überzeugt, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Wie sie an meiner Kleidung erkennen können, war diese Reise für mich weder vorhersehbar noch geplant.“ 

Der Mann mit der Maske blickt ihr lange ins Gesicht. „Sie wurden geholt, um in dieser finsteren Zeit Licht in die dunklen Gassen zu bringen. Kommen sie, meine Liebe. Sie werden sicher hungrig sein.“

Mit diesen Worten führt er sie fort von diesem Platz, hinein in eine schmale Gasse, die vor Unrat strotzt. Das Pferd hat er zuvor festgezurrt und Franzi versichert, es werde bald versorgt.

DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 4. Dezember >>>