DIE MASKE
Der Fremde eilt schnellen Schrittes durch ein Labyrinth aus schmalen Gassen, welches eingepfercht zwischen heruntergekommenen Häusern und dunklen Spelunken liegt. Ein Labyrinth, welches immer wieder von unerwartet weiten Plätzen, dominiert von großen Kirchen, unterbrochen wird. Sie eilen über Brücken aus Holz und Stein, welche die unzähligen Wasserkanäle verbinden, hinweg. Manche Gassen sind kaum breiter als die Schultern des Maskierten, manche sind schwach von Laternen beleuchtet, die meisten jedoch stockfinster. Doch egal, wie hell oder dunkel die Gassen sind, der Geruch ist erbärmlich. Diese Stadt stinkt. Franzi hat schon längst die Orientierung verloren. Ein Blick auf ihr Mobiltelefon zeigt, dass dieses nutzlos ist. Ein Relikt aus der Zukunft. Unbrauchbar hier an diesem Ort. Der Fremde bittet Franzi, immer knapp an seiner Seite zu bleiben. „Es liegt sehr viel Unrat in diesen Gassen. Ihr Schuhwerk bietet vielleicht zu wenig Schutz vor Nässe und Schmutz. Achten sie auf Ihre Füße.“ Franzi blickt ihre Beine hinab und lächelt verlegen, als sie die längst vergessenen Hausschuhe an ihren Füßen sieht.
Vor einer von zwei ausladenden Laternen flankierten Holztür, durch die Stimmengewirr auf die Gasse dringt, bleibt er abrupt stehen. Doch ehe er an die Tür pocht, dreht er sich noch einmal zu Franzi um. „Warten Sie noch einen Moment!“ Er kramt aus seinem Cape eine schmale goldene Schatulle hervor. „Ich hätte fast vergessen, Ihnen das zu geben.“ Er öffnet die Schatulle und überreicht sie Franzi mit feierlicher Miene.
Eingeschlagen in ein feines Tuch findet sie eine goldene, mit roten Stickereien eingefasste Maske. Sie traut sich kaum, sie anzuheben und streicht vorsichtig über das kostbare Material. „Ich bitte Sie, diese Maske zu tragen. Es ist besser, wenn Sie nicht sofort erkannt werden. Die Maske verhindert, dass wir unsere Gedanken, die so einfach aus dem Gesicht abzulesen sind, preisgeben. In dunklen Zeiten müssen wir im Verborgenen agieren.“
Franzi blickt zögerlich zwischen der Maske und dem Fremden hin und her. Es regt sich Widerstand in ihr, den sie jedoch nicht umfassend begründen kann. Sie lenkt ein, möchte sich aber schon noch eine Option für später offenlassen. Sie erwidert daher kurz: „Wie kann ich das Licht ins Dunkel tragen, wenn ich doch im Verborgenen agieren soll? Ich werde sie heute Abend tragen, doch morgen sehen wir weiter.“
Das Lächeln im Gesicht ihres Begleiters erlischt. Mit Widerworten hat er nicht gerechnet.