DIE HALLE DER STERBENDEN

Die beiden schreiten wieder durch das Tor in die große Halle. Kaum werden die Menschen des seltsamen Anblicks, der ihnen durch Franzi und ihrem Begleiter geboten wird, gewahr, erlischt das Stöhnen, das Wimmern, das Flehen. Es herrscht Totenstille. Franzis Blick gleitet über die Menschenmenge. Bett an Bett liegen hier Kranke und Sterbende. Männer, Frauen und auch Kinder. Franzi hält sich ihr Tuch an die Nase. Der Geruch in dieser Halle raubt ihr fast den Atem und sie spürt,  wie die Übelkeit in ihr hochkriecht. Nur mühsam kann sie das Würgen unterdrücken. Ein Arzt kommt ihnen entgegen. Er trägt die Schnabelmaske der Ärzte. Der Schnabel, gefüllt mit Kräutern, soll vor Ansteckung und Tod schützen. Auch Franzi erhält von ihm eine solche Maske. Ihren Begleiter straft der Arzt mit einem bösen Blick. Gesunde Menschen sind hier an diesem Ort des Verfalls nicht erwünscht. Der Mann mit der Maske weiß, dass er sich heute das Missfallen des Ministeriums der Hoffnung zuzieht. Doch was soll er machen? Franzi - das hat er schon längst erkannt - weiß auch ihn zu manipulieren, so wie sie die Menschen dieser Stadt bezaubern kann. 

Ganz langsam und mit Bedacht schreitet Franzi die Halle ab. Der Arzt hat sich kopfschüttelnd verabschiedet. Ihr Begleiter hüstelt ab und zu, um anzudeuten, dass sie sich beeilen möge. Doch Franzi hat das Gefühl, speziell hier, wo sie kaum helfen kann, gebraucht zu werden. Sie streichelt die Köpfe von Kindern, die sie mit großen Augen ansehen. Sie nimmt sich Zeit, die Hände alter Männer und Frauen zu halten. Sie erntet dafür dankbare Blicke und so manche Träne der Rührung rollt über die eingefallenen Wangen dieser dem Tod geweihten Menschen.

Trotz des Elends, das sie hier sieht, fühlt Franzi sich allmählich dieser Aufgabe gewachsen. Diese wundersame Reise in die Vergangenheit öffnet nicht nur ihre Augen, diese Reise berührt auch ihr Herz.

Sie setzt sich an die Bettkante einer jungen Frau. Bleich, mit schwarzen Ringen unter den Augen,   liegt sie da. Sie hält kraftlos einen wimmernden Säugling im Arm. Das Kind, kaum ein paar Monate alt, wirkt unterernährt, aber gesund. Franzi streicht ihm über die Haare. „Darf ich?“, fragt sie die Mutter. Sie nimmt es und wiegt es in ihren Armen. Allmählich beruhigt sich das Kind, während die junge Frau im Bett erschöpft die Augen schließt. Gerade als sie es wieder zurücklegen will, öffnet die Frau ihre Augen: „Nimm sie mit“, flüstert sie kraftlos. „Nimm sie mit und sorge gut für sie.“



DIE MÄRCHENAUGEN
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