DIE WERKSTÄTTE
Rasch holt die Schuhmacherin verschiedene Schuhmodelle aus dem hinteren Teil der Werkstatt. Sie nimmt Franzis Füße auf ihren Schoß. Mit etwas Argwohn betrachtet sie die rot lackierten Zehennägel. Auch das hat sie noch nie gesehen. Eine außergewöhnliche Kundschaft ist das heute. Sie zeigt Franzi ein Paar blauer Schuhe mit einer aufgesetzten goldenen Schnalle. Der Absatz ist nicht allzu hoch und die Sohle aus Leder. Mit diesen Schuhen würde sie sehr bequem ihre Mission erfüllen können.
Kaum hat Franzi die Schuhe angezogen, steht auch schon der Mann mit der Maske in der Tür. Sehr höflich stellt er klar, dass etwas Eile geboten sei. Doch die Schuhmacherin lässt das nicht gelten. „Mein Herr, wenn Sie keine Zeit haben, dann binden Sie der Dame Ziegenleder um die Füße!“ Sie zwinkert Franzi zu und flüstert: „Keine Sorge, ich war über Ihre Ankunft informiert. Ich habe bereits vorgearbeitet. Ziehen Sie bitte kurz die Schuhe noch einmal aus, in werde eine kleine Naht fixieren, dann sind wir fertig.“ Zum Mann mit der Maske meint sie kurz angebunden: „Sie warten bitte draußen.“
Während die Schuhmacherin die letzten Änderungen in den Schuh einarbeitet, wandert Franzi wieder durch die Werkstatt. Ein kleiner Verschlag aus Holz schirmt offenbar den privaten Wohnbereich von der Werkstatt ab. Dort, neben der Waschschüssel und einem schmalen Bett aus Holz, entdeckt Franzi eine Kinderwiege. Wunderschön gearbeitet. Aus Holz, mit Leder beschlagen. Sie wirkt unbenutzt, wie neu. Franzi streicht mit ihren Händen die saften Rundungen des Holzes entlang, ihre Gedanken gleiten zurück, in jene Zeit, als sie selbst eine junge Mutter gewesen war. Schöne Erinnerungen zaubern ihr ein Lächeln ins Gesicht.
„Was machen Sie da?“ Sie dreht sich um und blickt unvermutet mitten in die traurigen Augen der Schuhmacherin. Franzi fühlt sich ertappt. Sie bemerkt, dass sie bei ihrem Rundgang eine Grenze der Schuhmacherin überschritten hat. Aber zum Glück bleibt keine Zeit zur Rechtfertigung. Die Schuhmacherin teilt ihr kurz angebunden mit: „Kommen Sie, Ihre Schuhe sind fertig.“
Beim Verlassen der Werkstatt ruft ihr die Schuhmacherin hinterher: „Diese Werkstatt ist ein Wohlfühlort. Eine sichere Insel. Doch da draußen wartet die harte Wirklichkeit auf jeden von uns. Geben Sie auf sich acht.“