DAS KIND
Franzi schluckt. Sie fühlt, wie ein dicker Kloß in ihrem Hals mehr und mehr anschwillt. „Ich darf das nicht.“ Franzis Augen füllen sich mit Tränen. Sie blickt flehend auf ihren Begleiter. Der Mann mit der Maske nickt ernst. „Kommen Sie jetzt bitte. Sie sehen ja, wie sehr Sie diese Frau aufregen. Wir müssen jetzt wirklich gehen.“
Die Brust der armen Frau hebt und senkt sich heftig. Sie richtet sich auf. Die Pupillen sind vor Aufregung geweitet. Die Lippen blutleer. Doch sie kämpft. Sie kämpft für ihren Säugling. Für die Zukunft ihres Kindes. Sie nimmt Franzis Hand. Drückt sie fest. Mit letzter Kraft flüstert sie. „Nimm sie mit. Ich bitte dich. Gott wird es dir vergelten.“ Franzis Verzweiflung legt sich. Sie wischt ihre Tränen trotzig weg. Sie weiß, was zu tun ist. Sie legt ihre Hand auf das Gesicht der jungen Frau, die vor ihren Augen immer weiter vergreist. „Ich nehme dein Kind mit. Ich finde eine Lösung. Ich gebe dir mein Wort.“ Erleichtert sinkt die Frau zurück auf ihre Liegestatt. Ihre Atmung wird immer flacher. Die Anspannung weicht aus ihrem Gesicht. Ihr Herz steht still. Der Tod hat sie geholt, doch das Kind zurückgelassen. In den Armen einer Fremden, die noch nicht so recht weiß, wie es jetzt weitergehen soll und trotzdem dem dunkel verhangenen Blick des Begleiters tapfer standhält. Fast ein wenig grob nimmt dieser Franzi am Arm und führt sie aus der Halle des großen Hospitals. „Sind Sie verrückt?“ Die Sanftheit seiner Stimme nimmt den harten Worten die Schärfe. Franzi ist bewusst, dass sie jetzt einen ordentlichen Schlamassel angerichtet hat.
Mit dem Säugling auf dem Arm überqueren Franzi und ihr Begleiter den Platz vor dem Hospital, um in der gegenüberliegenden Kirche Platz zu nehmen. Sie brauchen einen stillen Ort zum Nachdenken. Doch viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn das Kind beginnt leise zu wimmern. Franzi steckt ihm den kleinen Finger in dem Mund. Sofort beginnt es zu nuckeln.
„Sie ist hungrig.“
„Sie?“
„Ja, sicher ist es ein Mädchen, das sieht man ja.“
Franzi nimmt ihre Maske ab und schaut ihren Begleiter nachdenklich an. „Ich denke, ich habe eine mögliche Lösung gefunden.“, erklärt sie und steht auf. Sie drückt mit der einen Hand das Kind an ihren Körper und mit der anderen zieht sie ihr blaues Cape fest um sich. So hält dieses nicht nur sie selbst sondern auch das kleine Mädchen warm. „Kommen Sie!“, fordert sie den Mann mit der Maske auf. Dieser erhebt sich ebenfalls und folgt ihr neugierig. Fragen stellt er keine.