DIE SCHUHMACHERIN

Der Mann mit der Maske mustert Franzi zufrieden. Damit der ganze Zauber gelingen kann, ist es notwendig, dass auch die kleinsten Details stimmig sind. Bescheidenheit ist heute nicht angebracht. Es bedarf sehr viel an Glanz. Auch Glamour. Und dazu noch eine große Portion Glück. Dennoch ist er zuversichtlich, dass der Plan des Hoffnungsministeriums gelingen könnte.  

Er klatscht in die Hände und meint: „Jetzt fehlt nur noch eines!“ Die anwesenden Damen schauen ihn fragend an. Aber da drängt sich ein kleines Mädchen nach vorne. Giulia. Sie stellt sich neben Franzi, hebt deren Kleid hoch, welches bis knapp über den Boden reicht und zeigt mit fröhlichem Grinsen auf Franzis Füße. „Die Schuhe.“ Ein Raunen geht durch den Raum. Ja, dieses Schuhwerk an Franzis Füßen ist wirklich sehr außergewöhnlich. Das zweite Mal seit ihrer Ankunft ist Franzi der Anblick ihre Hausschuhe sehr unangenehm.

Die mittlerweile etwas ausgelassene Runde startet ihren Triumphzug durch die Gasse, um zwei Blöcke weiter, bei der im Viertel ansässigen Schuhmacherin, in die Werkstatt zu stürmen. Giulia stupst Franzi in die Seite. Sie eröffnet ihr, dass das die beste, die flinkste, aber auch die vorlauteste Schuhmacherin des Viertels sei. Eine junge Frau. Über ihrem schlichten Kleid trägt sie eine blaue Arbeitsschürze, in deren Taschen sie ihre Hände vergraben hat. Die Haare sind zu einem Zopf gebunden, der über die linke Schulter reicht. So lehnt sie lässig und entspannt beim Eintreffen der Gruppe am Portal des Eingangs und wirkt, als ob sie wüsste, dass heute eine sehr ungewöhnliche Frau ihre Kundschaft sein würde.

Franzi begrüßt die Frau mit einem freundlichen Nicken. Ihr Blick verfängt sich in den braunen Augen. Hinter der stolzen Fassade erahnt Franzi eine tiefe Traurigkeit. Da hört sie es wieder: das fernen Klingen der leisen Musik des Karussells.  

Während Franzi sich interessiert in der Werkstatt die einzelnen Holzrohlinge ansieht und den Duft des Leders einatmet, beginnen die Frauen heftig auf die Schuhmacherin einzureden. Der wird schlussendlich der ganze Zinnober zu bunt und sie setzt alle Frauen mit Ausnahme von Franzi vor die Tür. Auch der Mann mit der Maske wird aus dem Raum gewiesen. Amüsiert betrachtet sie Franzis Hausschuhe und tut kund, dass sie solche Schuhe noch nie gesehen hat. Franzi versucht zu erklären, dass es zwar ein bequemes, wenn auch ausgefallenes Schuhwerk für zuhause ist, sie aber sie in der Regel das Haus mit diesen Schuhen nicht verlässt.

 


DIE MÄRCHENAUGEN
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