DIE SCHWIMMENDE STADT
Franzi hat sich dem Pferd und dessen Rhythmus angepasst. Das geschundene Karussellpferd hat sich in einen prächtigen weißen Schimmel verwandelt. Von Zeit zu Zeit wiehert es übermütig und schmeißt voller Lebensfreude seine Hinterbeine in die Luft. Doch Franzi hat keine Angst. Die beiden jagen in einem unvorstellbaren Höllentempo durch die dunkle Nacht. Das Pferd scheint den Weg und das Ziel zu kennen. Franzis anfangs noch leicht verkrampfte Haltung hat sich gelöst. Selbstbewusst und mit flatterndem Haar sitzt sie jetzt im Sattel. Sie spürt nicht die Kälte der Nacht, sondern genießt das Funkeln der abertausenden Schneeflocken, die ihren Weg begleiten.
Unerschrocken blickt Franzi hinab auf eine Landschaft, welche schemenhaft unter ihr dahingleitet. Lichteransammlungen zeugen von Städten. An den weißen Spitzen erkennt sie hohe Berge, an der Dunkelheit die tiefen Täler, die sich wie endlose Gräben durch die Hügellandschaft ziehen. Nach einem stundenlangen Ritt, Franzi ist auf dem Rücken des Schimmels eingeschlafen, wird sie von seinem lauten Wiehern geweckt. Wasser! Im silbernen Mondlicht tanzen kleine Wellen. Sie haben das Meer erreicht. Etwas außerhalb des langgezogenen Ufers erkennt sie die Lichter einer schwimmenden Stadt.
Näher und näher kommen diese Lichter. Aus dem wilden Himmelsgalopp des Schimmels wird ein gemächlicher Trab. Knapp über den Hausdächern reiten sie dahin. Der Schimmel scheint etwas zu suchen. Doch dichte Nebelschwaden hängen in den dunklen Gassen. Nur hin und wieder erspäht Franzi hinter den dunklen Fenstern das flackernde Licht einer Kerze. Modriger Geruch liegt in der Luft. Ihr Pferd umkreist in geringer Höhe zweimal einen Platz, um schließlich die Hufe gekonnt aufzusetzen und langsam auszutraben. Der Hufschlag des Pferdes hallt in der mittelalterlichen Stadt wider. Kurz scheut es erschrocken auf, als eine Ratte vor seinen Hufen über den Platz huscht, kommt aber noch rechtzeitig, ohne Franzi abzuwerfen, wieder zur Ruhe und bleibt schließlich stehen. Sein Körper dampft in dieser kühlen Nacht. Franzi klopft dem Pferd auf den Hals. „Gut gemacht“, flüstert sie und rutscht vorsichtig herab. Fröstelnd zieht sie den Schlafmantel eng über ihre Brust zusammen, während ihr Blick über den kaum beleuchteten Platz schweift.