ZUHAUSE

 

Völlig gerädert wacht Franzi am Morgen auf. Sie reibt sich den Schlaf aus den Augen, blickt sich um. „Welch ein verrückter Traum“, denkt sie. Mit leichtem Bedauern denkt sie an den Mann mit der Maske zurück. „Solche Kerle gibt es im echten Leben nicht.“  Sie schlüpft in ihre fürchterlichen Patschen neben dem Bett, die ihr heute ein leises Lächeln entlocken und eilt ins Badezimmer. Blickt in den Spiegel.  Zieht eine Grimasse. 

„Weihnachten“, denkt sie.  Es ist viel zu tun. Später werden ihre Kinder kommen, ihre Geschwister und natürlich auch ihre Eltern. Sie versucht, nicht in Panik zu verfallen. Der Weihnachtsbaum ist noch nicht aufgeputzt, steht aber zum Glück schon im Wohnzimmer. Die Kisten mit dem Schmuck für den Baum hat sie ebenfalls bereits gestern vom Dachboden geholt.  Die Vorbereitungen für das Weihnachtsmenü werden sie wohl den ganzen Tag begleiten. Franzi experimentiert sehr gerne in der Küche. Doch Tage wie dieser brauchen eine exakte Planung. Sie brüht sich eine Tasse starken Kaffee auf, setzt sich zum Tisch und erstellt einen detaillierten Zeitplan.  Auch wenn alle Gäste längst dem Zauber der Weihnacht entwachsen sind, wünscht sich Franzi so sehr etwas Romantik und weniger Kommerz für diesen Abend. Gute Vorbereitung schafft Spielraum für Leichtigkeit. Leichtigkeit. Das ist das Zauberwort. Das Leben drückt oft so schwer auf die Schultern ihrer Liebsten. Sie möchte allen einen vergnüglichen Abend ohne Stress schenken.

So startet sie gewissenhaft arbeitend in diesen Tag, doch ihre Gedanken kehren ständig zu jenem seltsamen Fremden zurück, der ihr heute Nacht im Traum begegnet ist.

Sehr viel später dann, als das Fest der Feste zu Ende ist, die Geschenke überreicht, die Gäste verabschiedet sind und das Geschirr wieder fein säuberlich in seinen Schränken verstaut ist, fällt Franzis Blick auf eine kleine goldene Schatulle. Ganz hinten unter dem Christbaum blitzt sie hervor.

Franzis Herz beginnt heftig zu klopfen. Sie muss sich flach auf den Boden legen, um die Schatulle da hinten unter den Baum greifen zu können. Endlich bekommt sie die Schatulle zu fassen. Sie zieht sie vorsichtig nach vorne. 

Franzi stutzt. Da ist sie wieder,  die vertraute Melodie des Zirkuskarussells. 

 

 



DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 22. Dezember >>>