DIE HERBERGE

Der Mann mit der Maske pocht an die schwere Holztür. Nach nur wenigen Sekunden wird die Tür von einer korpulenten Frau mit mürrischem Blick geöffnet. Franzi ist sich nicht sicher, ob sie hier ein gern gesehener Gast sein würde.  Das ergraute Haar ist am Hinterkopf zu einem Knoten gedreht, vereinzelte Strähnen hängen in ihr Gesicht. Das Kleid, das sie trägt, ist aus einem einfach gewebten, groben, grauen Stoff. Die nackten Füße stecken in plumpen Holzschuhen. Die Augen blitzen jedoch freundlich auf, als sie Franzis Begleiter erkennen. Dieser deutet eine kleine Verbeugung an und bittet um Einlass: „Dürfen wir?“

Nickend tritt sie zur Seite, um so den Weg in die Gaststube freizugeben.  Das Stimmengewirr, welches gerade noch den Raum erfüllt hat, verstummt schlagartig. Alle Blicke sind auf das sonderbare Paar gerichtet, das soeben den Raum betreten hat. Franzi spürt ihr Anderssein. Dass sie aus einer anderen Zeit kommt, ist wohl nicht nur an ihrem Gewand erkennbar. Sie ist dankbar für die Maske, hinter der sie ihr Gesicht und somit auch ihre Gefühle in diesem Moment gut verbergen kann.

Franzi blickt sich verstohlen um. Der Raum ist von geringer Höhe. Das Feuer im Kamin in der Ecke verbreitet wohlige Wärme, aber auch dicke rauchige Luft. Franzi hüstelt. Der Boden aus Stein starrt vor Schmutz. Die Wände sind rußgeschwärzt. Grauer Kalk rieselt von der Zimmerdecke, die von schweren Holzbalken getragen wird.  Alles hier wirkt auf Franzi schmutzig und düster. Selbst die Menschen erscheinen ihr fahl und grau.

Im Hintergrund ertönt plötzlich die leise Melodie des Karussells. „Hören Sie auch die Musik?“ Mit fragendem Blick wendet sich Franzi an ihren Begleiter. Doch dieser schüttelt nur den Kopf. Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen beobachtet Franzi erstaunt ein zartes Lichtspiel am Boden. Dort, wo sie eben noch ihre Füße aufgesetzt hat, ist der Steinboden auf einmal makellos sauber, wie frisch gewischt. 

DIE MÄRCHENAUGEN
<<< 6. Dezember >>>