DAS MINISTERIUM DER HOFFNUNG
„Die Wirklichkeit fühlt sich leichtfüßig an“, denkt sich Franzi, als sie am Arm ihres Begleiters durch die Straßen flaniert. Immer wieder betrachtet sie ihre neuen Schuhe. Noch nie hat sie so exzellentes Schuhwerk getragen. Es ist kalt, aber die Sonne scheint und das Wasser in den schmalen Kanälen der Stadt glitzert. Nur ihr Begleiter ist heute sehr wortkarg. Fast ein wenig nervös.
Sie beide sind eingeladen, oder besser gesagt, vorgeladen. Das Ministerium der Hoffnung tagt und erwartet vom Mann mit der Maske einen Zwischenbericht. In einem großen Saal mit langer Tafel, die mit prächtigen Blumenarrangements geschmückt ist, sitzen die Mitglieder des Ministeriums. Die Männer tragen gepuderte Perücken. Die Frauen haben ihr Gesicht hinter einer Maske verborgen. Man gibt sich zwar äußerst vornehm und prätentiös und doch klappern die Teller, die Gläser und das Besteck in einer unangemessenen Lautstärke.
Fanfaren ertönen bei Franzis Erscheinen. Ein Raunen geht durch die Tafelrunde. Sie unterdrückt ein Lachen, spielt ihre Rolle und schreitet die Tafel entlang. Dabei lächelt sie die Männer wohlwollend an und nickt den Damen freundlich zu.
Mit jedem Schritt, den sie macht, hebt sich die Laune im Saal. Die Anspannung in den Gesichtern lässt nach. Der Doge, auch für Franzi aufgrund seiner Kleidung sofort erkennbar, hat am unteren Ende der Tafel Platz genommen. Als sich Franzi ihm nähert, erhebt er sich.
Franzi blickt sich nach ihrem Begleiter um, doch der ist aus ihrem Blickfeld verschwunden.
Staunend betrachtet Franzi den mit Edelsteinen besetzten Brokatmantel und den Corno Ducale. Große Erleichterung durchflutet sie in der Erinnerung daran, dass sie sich geweigert hat, das Diadem zu tragen. Wer weiß, ob das nicht zu Unmut geführt hätte. Doch so ist das Gegenteil der Fall. Der Doge ist sehr angetan von Franzi. Er nimmt ihre Hand und küsst diese. „Ich habe schon viel von Ihnen gehört. Meine Liebe, Ihre Anwesenheit hier in der Stadt wirkt. Die Leute werfen ihren Müll nicht mehr auf die Straße. Das Ungeziefer verschwindet, der erbärmliche Geruch legt sich. Ich muss zugeben, alle meine Erwartungen an Sie wurden übertroffen. Machen Sie weiter so. Aber bedenken Sie stets, Sie dürfen in das Zeitgeschehen nicht eingreifen. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen das Vertrauen in die Zukunft wieder zurückzugeben.“ Er reicht Franzi einen Kelch mit Wein und prostet ihr zu. Franzi trinkt einen kräftigen Schluck. Der Doge fährt fort: „Schenken Sie den Menschen Hoffnung. Das ist Ihre Aufgabe.“
Kaum hat der Doge diese Worte ausgesprochen, sind die Gesellschaft und der Palast, in dem sie getafelt hat, verschwunden. Franzi findet sich am Fuße der Treppe des Hospitals wieder. Verwundert blickt sie auf den Mann mit der Maske.
Er, der sich die ganze Zeit im Vorborgenen gehalten hat, atmet erleichtert auf. „Nicht alles, was wie ein Zauber wirkt, ist tatsächlich einer. Man hat Ihnen Drogen verabreicht. Niemand darf wissen, wo das Ministerium der Hoffnung tagt. Daher musste man Sie kurz außer Gefecht setzen, um zu verhindern, dass Sie diesen Ort verraten können. Ich bitte Sie für diese Verletzung Ihrer Integrität um Verzeihung.“