DIE HOFFNUNG

 

Franzi läuft durch die dämmrige Stadt. Bald wird die Nacht hereinbrechen und der Nachtwächter die Menschen auffordern, in ihre Häuser zurückzukehren. Schließlich steht sie, etwas außer Atem, vor der Werkstatt der Schuhmacherin. Die Tür ist bereits abgeschlossen. Franzi pocht mit ihrer Faust fest dagegen. Gerade als sie sich entmutigt abwenden will, wird die Tür vorsichtig einen Spalt geöffnet. Die Schuhmacherin erkennt Franzi, öffnet die Tür und lässt Franzi und ihren Begleiter ein.

Wohltuende Wärme umfängt die beiden. Das im Kamin flackernde Feuer zaubert wilde Schatten an die Wand. Auf dem Arbeitstisch liegt ein Wirrwarr aus Holzrohlingen, Schusterwerkzeug und verschiedenen Schnittvorlagen. Die Schuhmacherin streicht sich ihre wilden Haarsträhnen aus dem Gesicht, nimmt ihre Arbeitsschürze ab und bemerkt erstaunt das kleine Mädchen in Franzis Arm. Franzi zaudert nicht lange. Sie nimmt das kleine Kind und legt es vorsichtig der Schuhmacherin in die Hände. Die harten Gesichtszüge der jungen Frau werden weich und der Blick ihrer Augen ganz sanft.  Mit ihrer von der Arbeit groben Hand fährt sie vorsichtig über das kleine Köpfchen. Ihre Stimme ist rau vor Rührung: „Ich verstehe nicht…?“

Franzi seufzt leise. „Das kleine Mädchen hat Hunger und braucht eine Mutter. Ich denke, ich bin hier an der richtigen Adresse. Für beides.“

Die Schuhmacherin erstarrt. Ihr Blick huscht zwischen Franzi und dem Kind hin und her. Franzi sieht die Panik in ihren Augen. Den Schmerz. Vielleicht auch die Überforderung. Sie nimmt ihr das Mädchen ab. 

„Ich kann das nicht.“ Völlig aufgelöst läuft die Schuhmacherin zur Hintertür hinaus. Franzi blickt ihr erschrocken nach. Das Kind beginnt augenblicklich zu schreien. Der Mann mit der Maske erhebt sich. „Es war einen Versuch wert.“ Franzi steht ebenfalls auf.  Doch da öffnet sich die hintere Tür der Werkstatt wieder. Die Schuhmacherin betritt, um Fassung bemüht, den Raum. Sie holt einen Topf aus dem Schrank, füllt mit einer Kelle Wasser ein und stellt ihn auf den Rost über dem Feuer.  Aus einem Leinensack holt sie eine Handvoll geschroteten Hafer. Sie rührt diesen in das Wasser ein. Mit dem Blick ins Feuer und dem Rücken zu Franzi beginnt sie leise zu sprechen. „Am Ende sterben sie dann doch alle. Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal ertrage.“

Die leise Musik des Karussells erklingt in Franzis Ohren und sie wagt wieder zu hoffen. 

 



DIE MÄRCHENAUGEN
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