SPERANZA
„Was wohl aus ihr geworden ist?“ Franzi blickt verträumt auf die Lichter der schwimmenden Stadt. Die beiden haben sich auf einem kleinen Stern hoch oben am Himmel niedergelassen und sich dort sehr wohnlich eingerichtet. Paolo sitzt die meiste Zeit in seinem grünen Lehnstuhl, lesend. Franzi liebt ihren Universalgelehrten, wie sie ihn gerne nennt, über alles. Doch heute hat sie wieder einmal Hummeln in der Hose und möchte nach draußen. Runter auf die Erde. Rein ins Leben.
„Du möchtest das wirklich wissen?“ Paolo stupst Franzi liebevoll an. „Dann komm. Du kannst sie sehen. Aber du kennst die Regeln! Wir reisen in ein unbestimmtes Jahr. Ich weiß nicht, welches uns erwarten wird. Vergiss nicht, du darfst die Vergangenheit nicht verändern!“
Franzi setzt ihre Maske auf. Paolo nimmt sie an der Hand und so schreiten die beiden langsam den Nachthimmel hinunter. Der vertraute Duft der Lagunenstadt schlägt ihnen entgegen. Auch hier scheint gerade Winter zu sein. Es ist kalt, aber nicht frostig. Franzi findet mühelos den Weg durch die Stadt. Das Gassenlabyrinth von einst ist ihr jetzt vertraut. Sie schlendern über die Brücken, durch die Gassen. Paolo passt sich ihrem Schritt an. Er liebt es, mit ihr hier an diesem Ort zu sein. „Da vorne!“, ruft Franzi aus. „Wir sind gleich da. Es brennt noch Licht in der Werkstatt.“ Paolo hält Franzi ein wenig zurück. Er weiß, wie ungestüm sie sein kann. Die Versuchung, an die Tür zu pochen, ist groß. Doch Franzi hält sich, auch wenn es ihr schwerfällt, an die Regeln. Mit heftig klopfendem Herzen steht sie vor der matten Fensterscheibe. Sie späht vorsichtig in die Werkstatt. Ihre Gedanken sind oft zu dem süßen, halbverhungerten Mädchen zurückgekehrt, welches sie hier bei der Schuhmacherin zurückgelassen hat. Doch jetzt sitzt ein kleines Mädchen, ungefähr zehn Jahre alt, da drinnen in der warmen Stube im Lichtschein einer Kerze. Es schreibt in ein in Leder gefasstes Buch. Die Stirn hat sie dabei in die freie Hand gestützt. Die Haare sind zu einem Zopf hochgebunden. Franzi fühlt Paolos Hand auf ihrer Schulter. Sie lehnt sich ein wenig gegen ihn. Sucht seinen Halt. „Sie sieht zufrieden aus, nicht?“ „Ganz sicher – und schau nur, wer gerade den Raum betritt!“ Franzi erkennt die Schuhmacherin sofort. Sie hat sich kaum verändert. Die Haare sind ergraut. Aber ihr Gesicht ist immer noch das einer jungen Frau. Die Schuhmacherin blickt hoch. Zum Fenster. Sie lächelt. Sie gesellt sich zu ihrem Mädchen, streicht ihm über den Kopf und sagt: „Speranza. Es ist schon spät. Ich glaube, du solltest auch für heute Schluss machen.“ „Ja, Mutter. Ich möchte nur noch diesen Satz fertig schreiben.“ Es blickt verträumt zum Fenster hinaus.
„Mutter, weißt du, wie es klingt, wenn das Licht in die Stadt zurückkehrt?“
„Wie es klingt?“ Die Schuhmacherin blickt ihre Tochter erstaunt an.
„Ja, Mutter. Hörst du sie nicht?“
„Was soll ich denn hören?“
„Die Musik. Diese leise Musik.“
Franzi blickt Paolo an. Tränen der Rührung laufen über ihre Wangen. Das Mädchen hört sie also auch. Gleichzeitig mit dem Mädchen drinnen am Tisch flüstert sie die magischen Worte:
„Die Musik des Zirkuskarussels.“